Ratgeber · 7 Min Lesezeit

Geschichte des Binärsystems: von Leibniz bis Shannon

Wie das Binärsystem 1703 als philosophische Idee entstand, durch George Boole zur Logik wurde und mit Claude Shannon ins Zentrum der modernen Informatik rückte.

Wenn heute jemand „binär” sagt, denken die meisten an Computer. Tatsächlich ist die Binärdarstellung von Zahlen aber rund 250 Jahre älter als die ersten elektronischen Rechner. Sie hat eine ungewöhnliche Geschichte, in der Philosophie, Logik und Elektrotechnik zusammenkommen.

Leibniz und das I Ging

Im Jahr 1703 veröffentlichte Gottfried Wilhelm Leibniz seine Schrift Explication de l’arithmétique binaire. Er beschrieb darin ein Zahlensystem, das nur die Ziffern 0 und 1 verwendet, und führte vor, wie sich Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division in dieser Darstellung ausführen lassen. Leibniz war fasziniert von der Eleganz: Aus zwei Symbolen ließ sich die gesamte Arithmetik aufbauen.

Bemerkenswert ist, dass Leibniz seine Entdeckung nicht in einer technischen, sondern in einer fast theologischen Sprache präsentierte. Die 1 stand bei ihm für Gott, die 0 für das Nichts, und aus deren Wechselspiel entstanden alle Zahlen. Er sah sich in seiner Idee bestätigt, als der Jesuitenmissionar Joachim Bouvet ihm aus China das Buch der Wandlungen, das I Ging, schickte: dessen 64 Hexagramme aus durchgezogenen und unterbrochenen Linien lesen sich tatsächlich wie 6-Bit-Binärzahlen.

Praktische Verwendung fand Leibniz’ System zu seinen Lebzeiten nicht. Mechanische Rechenmaschinen, an denen Leibniz selbst arbeitete, blieben dezimal, weil das mit Zahnrädern einfacher zu bauen war.

Boole und die Algebra der Logik

Ein gutes Jahrhundert nach Leibniz, im Jahr 1854, veröffentlichte der englische Mathematiker George Boole An Investigation of the Laws of Thought. Boole beschäftigte sich nicht mit Rechnen, sondern mit logischen Aussagen. Er zeigte, dass sich Aussagen wie „A und B sind beide wahr” oder „A oder B ist wahr” mit einer algebraischen Notation behandeln lassen, wenn man wahr als 1 und falsch als 0 codiert.

Booles Algebra blieb zunächst eine rein mathematische Theorie. Niemand verband sie mit Leibniz’ Binärarithmetik, und niemand sah eine technische Anwendung. Boole selbst starb 1864, ohne zu ahnen, dass seine Notation neunzig Jahre später das Fundament aller digitalen Schaltungen werden würde.

Shannon bringt beides zusammen

Der entscheidende Sprung gelang 1937 dem damals 21-jährigen Claude Shannon, einem Studenten am Massachusetts Institute of Technology. In seiner Masterarbeit A Symbolic Analysis of Relay and Switching Circuits zeigte er, dass elektrische Schaltkreise aus Relais sich exakt mit Booles Algebra beschreiben lassen. Ein geschlossenes Relais ist eine logische 1, ein offenes eine 0. Reihenschaltungen entsprechen einem UND, Parallelschaltungen einem ODER.

Diese Erkenntnis war der Geburtsmoment der digitalen Elektronik. Auf einmal ließen sich beliebige logische Funktionen und damit auch arithmetische Operationen aus einfachen Schaltern aufbauen. Shannons Arbeit gilt bis heute als eine der einflussreichsten Masterthesen aller Zeiten.

In den 1940ern entstanden auf dieser Basis die ersten elektronischen Rechner. Der ENIAC von 1946 war zwar noch dezimal aufgebaut, aber John von Neumanns Entwurf für den EDVAC von 1945 setzte konsequent auf binäre Darstellung. Damit war der Standard gesetzt, der bis heute gilt.

Warum gerade Binär?

Aus heutiger Sicht erscheint die Wahl natürlich: Transistoren kennen zwei stabile Zustände, leitend und sperrend. Ein dezimales System müsste zehn Zustände unterscheiden, was in der Praxis viel anfälliger für Störungen wäre. Eine kleine Spannungsschwankung könnte aus einer 7 schnell eine 8 machen, während der Abstand zwischen „kein Strom” und „voller Strom” groß genug ist, um zuverlässig erkannt zu werden.

Es gab durchaus Experimente mit anderen Systemen. Die sowjetischen Setun-Rechner von 1958 arbeiteten mit Trit-Logik, also drei Zuständen (-1, 0, +1). Mathematisch ist diese Wahl sogar effizienter als binär, weil die optimale Basis für die Zahldarstellung die Eulersche Zahl wäre, und 3 ist näher an e als 2. Praktisch setzte sich die binäre Hardware aber durch, weil sie robuster und einfacher herstellbar war.

Was bleibt von Leibniz heute?

Wenn Sie heute eine Zahl in unserem Umrechner eingeben und die binäre Darstellung sehen, schauen Sie auf eine Schreibweise, die seit über 300 Jahren existiert. Der Algorithmus, mit dem 13 zu 1101 wird, hat sich nicht geändert. Geändert hat sich nur, dass heute Milliarden von Transistoren in jedem Handy genau diese Rechnung Milliarden Mal pro Sekunde ausführen, während Leibniz noch mit Tinte auf Pergament arbeitete.

Die direkte Linie führt von einem Philosophen, der das Universum in 0 und 1 zerlegen wollte, über einen britischen Logiker, der das Denken in Formeln gießen wollte, zu einem amerikanischen Studenten, der erkannte, dass diese beiden Linien sich kreuzen. Drei Köpfe über drei Jahrhunderte verteilt, ohne die das Smartphone in Ihrer Tasche nicht denkbar wäre.

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Wer Lust auf Vertiefung hat: unsere Artikel zu Zweierkomplement, Hexadezimal und Bitoperationen erklären, wie aus Leibniz’ Idee die konkrete Maschinensprache wurde, die jeder moderne Prozessor versteht.

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